Lohnt sich eine Premium-Kreditkarte 2026?
Jemand fragt mich, welche Kreditkarte ich empfehle. Ich frage zurück: Wie oft fliegst du im Jahr? Wie oft übernachtest du im Hotel? Wie viel gibst du monatlich über Kreditkarte aus? Meistens folgt eine Pause. Dann eine Antwort, die zeigt, dass die kostenlose Visa der DKB die bessere Wahl wäre als alles, was ich selbst nutze.
Das klingt seltsam auf einer Website, die sich mit Premium-Kreditkarten beschäftigt. Aber genau das ist der Punkt: Eine Premium-Kreditkarte ist ein Werkzeug. Wenn du das Werkzeug nicht brauchst, ist es egal, wie hochwertig es ist.
Die ehrliche Frage
Die Kreditkartenbranche lebt davon, dass Menschen glauben, eine teurere Karte sei automatisch eine bessere Karte. Die Wahrheit ist: Eine Kreditkarte ist genau dann ihr Geld wert, wenn du ihre Leistungen nutzt. Nicht "nutzen könntest", sondern tatsächlich nutzt. Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis entscheidet darüber, ob du klug investierst oder Geld verbrennst.

Was Premium-Kreditkarten bieten
Bevor wir über das Für und Wider sprechen, hier ein Überblick über die typischen Leistungen einer Premium-Kreditkarte wie der Amex Platinum (720 Euro/Jahr) oder vergleichbarer Produkte.
Reise-Benefits
Lounge-Zugang über Priority Pass oder eigene Lounge-Netzwerke. Bei der Platinum sind das über 1.400 Lounges weltweit. Pro Lounge-Besuch sparst du dir 30 bis 50 Euro Eintritt. Dazu kommen bei manchen Karten Reiseguthaben, die du bei Buchungen einsetzen kannst. Die Platinum bietet 200 Euro Reiseguthaben pro Jahr über Amex Travel.
Hotel-Status: Die Platinum bringt Hilton Gold und Marriott Gold mit, die Centurion zusätzlich Hilton Diamond. Hilton Gold allein kann pro Hotelaufenthalt 50 bis 150 Euro an Frühstücks- und Upgrade-Wert liefern. Fine Hotels & Resorts bietet bei qualifizierten Buchungen zusätzlich Frühstück, Hotel-Credit und späten Check-out.
Versicherungen
Auslandsreise-Krankenversicherung, Reiserücktrittsversicherung, Gepäckversicherung, Mietwagenversicherung, Einkaufsschutz. Das Versicherungspaket einer Platinum ersetzt separate Policen, die dich sonst 100 bis 300 Euro im Jahr kosten würden. Die Qualität der Versicherungen ist solide, in manchen Bereichen sogar besser als dedizierte Einzelpolicen.
Punkte und Meilen
Membership Rewards Punkte, die du bei jedem Einkauf sammelst und zu Airline-Partnern transferieren kannst. Bei intelligentem Transfer liegt der Wert bei 0,8 bis 2,0 Cent pro Punkt. Bei 30.000 Euro Jahresumsatz sammelst du 30.000 Punkte, also 240 bis 600 Euro Gegenwert, je nach Einlösung.
Status und Convenience
SIXT Platinum Status (Upgrades, bevorzugte Behandlung), Concierge-Service (Restaurantreservierungen, Reiseplanung), bevorzugte Abwicklung bei Problemen. Dinge, die sich schlecht in Euro beziffern lassen, aber im Alltag einen Unterschied machen.
Das ehrliche Argument dagegen
Jetzt der Teil, der in den meisten Kreditkarten-Reviews fehlt.
Hohe Jahresgebühren
720 Euro für die Platinum. Das sind 60 Euro im Monat. Jeden Monat. Ob du die Karte nutzt oder nicht. Wenn du zwei Monate am Stück nicht reist, hast du 120 Euro bezahlt und nichts dafür bekommen. Die Jahresgebühr ist kein einmaliger Kaufpreis, sie ist eine laufende Verpflichtung, die sich jeden Monat rechtfertigen muss.
Amex-Akzeptanz in Deutschland
Das größte Problem von American Express in Deutschland ist die Akzeptanz. Aldi, Lidl, dm, viele kleinere Geschäfte und Restaurants akzeptieren keine Amex. Selbst bei Online-Shops fehlt Amex regelmäßig als Zahlungsoption. In der Praxis bedeutet das: Du kannst die Amex Platinum nicht als deine einzige Karte nutzen. Du brauchst eine Visa oder Mastercard als Backup.
Das hat zwei Konsequenzen. Erstens: Du sammelst nicht auf alle deine Ausgaben Punkte, was den Punkte-Gegenwert reduziert. Zweitens: Du trägst sowieso eine zweite Karte mit dir, was die Frage aufwirft, warum du nicht einfach diese zweite Karte als Hauptkarte nutzt.
Du musst genug reisen
Die wertvollsten Leistungen einer Premium-Karte sind Reise-Benefits. Lounge-Zugang, Hotel-Status, FHR, Reiseguthaben, Versicherungen. Wenn du drei Mal im Jahr fliegst und dabei Kurzstrecke innerhalb Europas, wirst du einen Bruchteil dieser Leistungen nutzen. Der Lounge-Zugang bringt dir wenig bei einem 90-Minuten-Flug nach Barcelona. Der Hilton Gold Status ist wertlos, wenn du im Urlaub Airbnb buchst.
Die Faustregel, die ich nutze: Wenn du weniger als sechs Mal im Jahr fliegst und weniger als zehn Nächte in Hotels verbringst, wird es schwer, die 720 Euro zu rechtfertigen.
Opportunitätskosten
720 Euro im Jahr sind 720 Euro, die du anders investieren könntest. In einen ETF gesteckt, wachsen sie über die Jahre. Für eine Familienreise genutzt, schaffen sie direkt Erinnerungen. Die Frage ist nicht nur "lohnt sich die Karte", sondern auch "gibt es etwas Besseres, das ich mit dem Geld tun kann."

Die Break-Even-Rechnung
Wann holt die Premium-Karte ihren Preis rein? Ich rechne mit der Amex Platinum als Beispiel.
Profil 1: Wenigreisender
Drei Flüge pro Jahr, fünf Hotelnächte, 20.000 Euro Jahresumsatz über Amex.
- Lounge-Zugang: 3 Besuche x 35 Euro = 105 Euro
- Hotel-Status: 2 Aufenthalte mit Frühstückswert x 60 Euro = 120 Euro
- Reiseguthaben: 200 Euro (wenn voll ausgeschöpft)
- Punkte: 20.000 Punkte x 1,0 Cent = 200 Euro
- Versicherungen: 100 Euro Ersparnis
Summe: 725 Euro. Knapp über der Jahresgebühr. Aber nur, wenn alles optimal läuft. Realistisch landest du bei 500 bis 600 Euro, weil du nicht jede Lounge nutzt und nicht jedes Guthaben voll ausschöpfst. Ergebnis: Die Karte kostet dich effektiv 100 bis 200 Euro pro Jahr, für die du die Versicherungen und den Komfort bekommst. Möglich, aber nicht überzeugend.
Profil 2: Regelmäßiger Reisender
Acht Flüge pro Jahr, fünfzehn Hotelnächte, 40.000 Euro Jahresumsatz über Amex.
- Lounge-Zugang: 8 Besuche x 40 Euro = 320 Euro
- Hotel-Status: 5 Aufenthalte mit Frühstücks-/Upgrade-Wert x 100 Euro = 500 Euro
- FHR-Buchungen: 2 Buchungen x 200 Euro Mehrwert = 400 Euro
- Reiseguthaben: 200 Euro
- SIXT ride Guthaben: 60 Euro
- Punkte: 40.000 Punkte x 1,0 Cent = 400 Euro
- Versicherungen: 200 Euro Ersparnis
Summe: 2.080 Euro. Deutlich über der Jahresgebühr. Die Karte generiert fast 1.400 Euro netto. Hier lohnt sie sich klar.
Profil 3: Vielreisender / Geschäftsreisender
Zwanzig Flüge pro Jahr, dreißig Hotelnächte, 80.000 Euro Jahresumsatz über Amex.
- Lounge-Zugang: 20 Besuche x 40 Euro = 800 Euro
- Hotel-Status: 10+ Aufenthalte, davon einige mit Suite-Upgrades = 1.200 Euro
- FHR-Buchungen: 4 Buchungen x 250 Euro = 1.000 Euro
- Reiseguthaben: 200 Euro
- SIXT ride + SIXT Status: 200 Euro
- Punkte: 80.000 Punkte x 1,2 Cent (bei optimiertem Transfer) = 960 Euro
- Versicherungen: 250 Euro
- Concierge-Wert: 300 Euro (Zeitersparnis bei häufiger Nutzung)
Summe: 4.910 Euro. Die Platinum generiert hier den fünf- bis sechsfachen Gegenwert. Und bei diesem Profil beginnt auch die Frage, ob die Centurion sinnvoll wäre.
Für wen die DKB Visa die bessere Wahl ist
Ich sage das ohne Ironie: Für die Mehrheit der Menschen in Deutschland ist die kostenlose DKB Visa Debitkarte (oder eine vergleichbare Gratiskarte) die bessere Wahl als jede Premium-Kreditkarte.
Du zahlst 0 Euro Jahresgebühr. Du hast weltweite Akzeptanz, die deutlich besser ist als bei Amex. Du kannst weltweit kostenlos Geld abheben. Du brauchst keine zweite Karte als Backup.
Die DKB Visa hat keine Lounges, kein Reiseguthaben, keine Versicherungen, keinen Concierge. Aber wenn du diese Dinge nicht nutzt, sind sie auch nichts wert.
Ehrliche Frage an dich: Wenn du in den letzten zwölf Monaten weniger als sechs Mal geflogen bist, weniger als zehn Nächte im Hotel verbracht hast und weniger als 25.000 Euro über Kreditkarte ausgegeben hast, dann ist die Premium-Karte wahrscheinlich kein gutes Geschäft für dich. Die DKB Visa, ergänzt um eine Reiseversicherung für 30 bis 50 Euro im Jahr, deckt deine Bedürfnisse zu einem Bruchteil der Kosten.
Das Status-Argument
Jetzt zum unangenehmen Teil. Ein Grund, warum viele Menschen Premium-Karten haben, ist der Status. Die schwere Metallkarte auf den Tisch legen. Das Gefühl, zu einem exklusiven Club zu gehören. Das Wissen, dass man "etwas Besseres" hat.
Ich sage das ohne Wertung: Wenn Status der Hauptgrund für deine Premium-Karte ist, bezahlst du 720 Euro im Jahr für ein Gefühl. Das ist dein gutes Recht. Aber es ist kein rationaler Grund, und du solltest dir dessen bewusst sein.
In der Realität interessiert sich an der Kasse niemand für deine Karte. Der Kellner im Restaurant sieht hunderte Karten pro Woche. Der Taxifahrer auch. Die Platinum Card macht keinen Eindruck, den du nicht auch durch andere Dinge machen könntest.
Wo Status tatsächlich einen funktionalen Unterschied macht: beim Hotel-Check-in, wenn du einen hohen Status hast und das Upgrade davon abhängt. Beim Mietwagen-Schalter, wenn der SIXT-Mitarbeiter deinen Status sieht. Aber das ist kein Status im sozialen Sinne, das ist ein Leistungsmerkmal.

Mein Ansatz
Ich nutze Premium-Kreditkarten als Werkzeug. Nicht mehr und nicht weniger. Die Platinum ist mein primäres Zahlungsmittel, wo Amex akzeptiert wird. Die Centurion nutze ich für den Concierge und spezifische Reise-Situationen. Daneben habe ich eine Visa als Backup für alle Orte, an denen Amex nicht funktioniert.
Ich rechne jedes Jahr durch, ob sich die Karten lohnen. Nicht vage, sondern konkret. Was habe ich an Gegenwert herausgeholt? Was hätte ich ohne die Karten bezahlt? Wenn die Rechnung nicht aufgeht, würde ich die Karte kündigen.
Bisher geht die Rechnung auf, weil ich viel reise, den Concierge regelmäßig nutze, die Punkte sinnvoll transferiere und die Versicherungen aktiv einsetze. Aber ich bin nicht der Durchschnitt. Mein Nutzungsverhalten liegt deutlich über dem, was die meisten Karteninhaber realistisch erreichen.
Die Fragen, die du dir stellen solltest
Bevor du eine Premium-Kreditkarte beantragst, beantworte diese Fragen ehrlich:
Wie oft bist du in den letzten zwölf Monaten geflogen? Nicht wie oft du fliegen möchtest. Wie oft du tatsächlich geflogen bist.
Wie viele Nächte hast du in Hotels verbracht? Echte Hotelnächte, nicht Airbnb, nicht bei Freunden, nicht im Ferienhaus.
Wie viel hast du im letzten Jahr über Kreditkarte ausgegeben? Und wie viel davon an Orten, die Amex akzeptieren?
Hast du in den letzten zwölf Monaten eine Reiseversicherung gebraucht oder abgeschlossen?
Nutzt du Mietwagen regelmäßig?
Wenn du bei drei oder mehr dieser Fragen mit einer substantiellen Zahl antworten kannst, wird eine Premium-Karte wahrscheinlich ihren Preis wert sein. Wenn die Antworten eher mager ausfallen, spare dir die 720 Euro.
Der Mittelweg
Es muss nicht gleich die Platinum sein. Die Amex Gold kostet 240 Euro im Jahr und bietet 1 Membership Rewards Punkt pro Euro (1,5 mit optionalem Punkte-Turbo auf die ersten 40.000 Euro), solide Versicherungen und einen brauchbaren Basis-Service. Für viele Reisende, die vier bis sechs Mal im Jahr fliegen und gelegentlich in Hotels übernachten, ist die Gold der sweet spot: genug Leistung, um den Preis zu rechtfertigen, ohne die Verpflichtung der hohen Platinum-Gebühr.
Und wenn selbst die 240 Euro zu viel sind: Die Payback Amex kostet 0 Euro und sammelt immerhin Payback-Punkte, die sich in Miles & More Meilen umwandeln lassen. Kein Premium-Produkt, aber ein kostenloser Einstieg ins Amex-Ökosystem.
Mein Fazit
Eine Premium-Kreditkarte ist wie ein Fitnessstudio-Abo. Sie lohnt sich genau dann, wenn du hingehst. Die beste Karte der Welt, ungenutzt in der Schublade, ist 720 Euro Verschwendung. Die gleiche Karte, aktiv genutzt von jemandem, der viel reist, kann ein Vielfaches ihres Preises zurückbringen.
Wer dir erzählt, dass sich eine Premium-Karte für jeden lohnt, will dir etwas verkaufen. Wer dir erzählt, dass Premium-Karten generell Unsinn sind, hat sie nie richtig genutzt. Die Wahrheit liegt, wie so oft, dazwischen. Es hängt von dir ab. Von deinem Leben, deinem Reiseverhalten, deiner Bereitschaft, die Leistungen aktiv zu nutzen.
Rechne ehrlich. Entscheide nüchtern. Und wenn die kostenlose DKB Visa das Richtige für dich ist, dann ist das kein Abstieg. Es ist die klügere Wahl.
