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Meilen sammeln im Alltag 2026: Was moeglich ist

ChristianChristian··5 Min Lesezeit
Meilen sammeln im Alltag 2026: Was moeglich ist

In der Welt der Kreditkarten-Enthusiasten kursieren Geschichten von Menschen, die durch geschicktes Meilensammeln regelmäßig First Class fliegen, ohne dafür zu bezahlen. Diese Geschichten stammen fast alle aus den USA, wo das System ganz anders funktioniert als in Deutschland. Höhere Earning Rates, mehr Kreditkarten-Bonusse, mehr Möglichkeiten.

In Deutschland sieht die Realität nüchterner aus. Meilen sammeln funktioniert, aber die Erwartungen müssen stimmen. Ich sammle seit Jahren Membership Rewards Punkte über meine Amex-Karten und habe ein realistisches Bild davon, was möglich ist und was nicht.

Amex Gold Card

Die Grundlagen

In Deutschland gibt es drei relevante Systeme zum Meilensammeln über Kreditkarten.

Membership Rewards (Amex)

Das Punkteprogramm von American Express. Du sammelst Punkte mit jeder Ausgabe auf deiner Amex-Karte und kannst diese Punkte zu verschiedenen Airline-Partnern transferieren: British Airways Avios, Singapore Airlines KrisFlyer, Cathay Pacific Asia Miles, Emirates Skywards, ANA Mileage Club und andere. Der Transfer erfolgt in der Regel im Verhältnis 1:1 (bei europäischen Partnern) oder mit einem leichten Abschlag.

Miles & More (Lufthansa)

Das größte Vielfliegerprogramm in Europa, direkt von der Lufthansa Gruppe betrieben. Meilen sammelst du durch Flüge mit Lufthansa, Swiss, Austrian und Partnerairlines, durch die Miles & More Kreditkarte und durch verschiedene Partneraktionen. Die direkte Verbindung zu Amex Membership Rewards besteht über einen Umweg: Payback Punkte können in Miles & More Meilen umgewandelt werden.

Payback

Payback ist kein klassisches Meilenprogramm, aber ein relevanter Baustein. Die Payback American Express Karte sammelt Payback Punkte, die sich in Miles & More Meilen umwandeln lassen (1.000 Payback Punkte = 500 Miles & More Meilen). Das klingt nach einem schlechten Kurs, kann aber für bestimmte Alltagsausgaben sinnvoll sein.

Earning Rates in Deutschland

Hier wird es konkret. Wie viele Punkte sammelst du pro ausgegebenem Euro?

Amex Platinum

1 Membership Rewards Punkt pro 1 Euro Umsatz. Bei manchen Partnern und Aktionen mehr, aber die Basisrate ist 1:1. Es gibt keine Bonuskategorien im klassischen Sinne, wie man sie von US-Karten kennt (3x auf Dining, 5x auf Travel). Die Rate ist einheitlich.

Amex Gold

1 Membership Rewards Punkt pro 1 Euro für reguläre Ausgaben. In ausgewählten Kategorien, etwa Supermärkte und Restaurants, gibt es 1,5 Punkte pro Euro. Das macht die Gold für Alltagsausgaben in bestimmten Bereichen attraktiver als die Platinum.

Payback Amex

1 Payback Punkt pro 2 Euro Umsatz als Basisrate. Bei Payback-Partnern (dm, Aral, Rewe und andere) deutlich mehr, teilweise 5 bis 10 Punkte pro Euro. Die effektive Earning Rate schwankt stark, je nachdem, wo du einkaufst.

Die realistische Rechnung

Nehmen wir einen Karteninhaber, der ein normales Ausgabeverhalten hat. Kein Geschäftsinhaber, der fünfstellige Beträge pro Monat über die Karte laufen lässt, sondern jemand, der die Amex Platinum als primäre Karte im Alltag nutzt.

Annahmen

Monatlicher Kartenumsatz über Amex: 3.000 Euro. Das setzt voraus, dass du alles, was geht, über die Amex bezahlst: Supermarkt (wo akzeptiert), Restaurants, Tankstelle, Online-Shopping, Versicherungen, Abonnements. Abzüglich der Ausgaben, bei denen Amex nicht akzeptiert wird (in Deutschland etwa 30 bis 40 Prozent), entspricht das einem Gesamtausgabenniveau von etwa 4.500 bis 5.000 Euro monatlich.

Jahresrechnung

3.000 Euro pro Monat x 12 Monate = 36.000 Euro Jahresumsatz über Amex.

Bei 1 MR Punkt pro Euro = 36.000 Membership Rewards Punkte pro Jahr.

Was kannst du damit anfangen? Das hängt vom Transferpartner und der Art der Einlösung ab.

Wert der Punkte

Bei einem Transfer zu British Airways Avios und einer Einlösung für einen innereuropäischen Business Class Flug brauchst du typischerweise 25.000 bis 40.000 Avios plus Steuern und Gebühren (die bei British Airways erheblich sein können, 200 bis 400 Euro für einen Hin- und Rückflug Europa).

36.000 MR Punkte, transferiert zu British Airways, ergeben 36.000 Avios. Das reicht für einen Hin- und Rückflug in der Business Class innerhalb Europas. Ein solcher Flug, regulär gebucht, kostet je nach Strecke und Zeitpunkt 500 bis 1.500 Euro. Abzüglich der Steuern und Gebühren von 200 bis 400 Euro sparst du also effektiv 300 bis 1.100 Euro.

Das ist ein realistischer Gegenwert für ein Jahr Meilensammeln mit 3.000 Euro monatlichem Kartenumsatz. Kein First Class Flug nach Tokio, aber ein solider Business Class Flug innerhalb Europas.

Wie du mehr sammelst

Es gibt Möglichkeiten, die Sammelrate zu steigern, ohne das Ausgabeverhalten grundlegend zu ändern.

Amex Offers

In der Amex-App gibt es regelmäßig Amex Offers, die dir für Einkäufe bei bestimmten Händlern doppelte oder dreifache Punkte geben. Manchmal auch Cashback-Offers, die den Umsatz direkt reduzieren. Ich aktiviere alle relevanten Offers und prüfe vor größeren Einkäufen, ob es ein passendes Angebot gibt.

In einem typischen Monat nutze ich zwei bis drei Offers aktiv. Der Zusatzgewinn ist nicht riesig, aber über ein Jahr summiert es sich auf 2.000 bis 5.000 zusätzliche Punkte. Das klingt nach wenig, ist aber der Unterschied zwischen "reicht knapp für den Flug" und "reicht komfortabel".

Fixkosten über Amex laufen lassen

Versicherungen, Streaming-Abos (Netflix, Spotify, Disney+), Mobilfunkvertrag, Internet, Zeitschriften-Abonnements. Alles, was regelmäßig abgebucht wird und per Kreditkarte bezahlt werden kann, sollte über die Amex laufen. Das sind oft 200 bis 400 Euro pro Monat, die du ohnehin ausgibst und die bei einer Lastschrift oder Überweisung keine Punkte bringen.

Die Payback Amex als Ergänzung

Für Ausgaben, bei denen die Platinum nicht akzeptiert wird (oder bei denen die Payback-Partner höhere Punkteraten bieten), nutze ich die Payback American Express. Die Karte hat keine Jahresgebühr und sammelt Payback Punkte, die ich in Miles & More Meilen umwandle.

Die Rechnung: Bei Rewe, dm, Aral und anderen Payback-Partnern sammelst du mit der Payback Amex teilweise 5 bis 10 Payback Punkte pro Euro, zusätzlich zu den regulären Payback-Punkten der Kundenkarte. In Miles & More umgerechnet ergibt das 2,5 bis 5 Meilen pro Euro. Das ist eine deutlich bessere Rate als die 1 MR pro Euro auf der Platinum.

Der Nachteil: Die Payback Punkte landen in einem separaten System. Du musst sie aktiv umwandeln, und der Umwandlungskurs (2:1) ist nicht ideal. Aber für Alltagseinkäufe, die du sowieso tätigst, ist es ein guter Zusatzkanal.

Amex Kartensammlung

Der Trick mit Business-Ausgaben

Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer Selbstständiger oder Unternehmer ist und geschäftliche Ausgaben über die Amex laufen lässt, sammelt in einer völlig anderen Größenordnung.

Werbeausgaben (Google Ads, Facebook Ads, LinkedIn Ads) lassen sich oft mit Amex bezahlen. Software-Abonnements (Adobe, Microsoft 365, Salesforce), Cloud-Services (AWS, Google Cloud), Geschäftsreisen, Büromaterial, alles summiert sich.

Ein Selbstständiger mit 5.000 Euro monatlichen Geschäftsausgaben über Amex sammelt 60.000 MR Punkte zusätzlich pro Jahr. Zusammen mit den privaten 36.000 Punkten sind das 96.000 Punkte. Das reicht für einen Business Class Langstreckenflug nach Asien oder Nordamerika (typischerweise 50.000 bis 80.000 Punkte one-way, je nach Partner und Verfügbarkeit).

Wichtig: Die Punkte gehören dem Karteninhaber, nicht dem Unternehmen. Das ist ein steuerliches Thema, das du mit deinem Steuerberater klären solltest. Die gängige Auffassung ist, dass Punkte aus geschäftlichen Ausgaben als Sachbezug gelten können, aber die Praxis ist hier nicht einheitlich.

Was realistisch ist und was nicht

Jetzt die ehrliche Einschätzung.

Realistisch

Ein bis zwei Business Class Flüge innerhalb Europas pro Jahr bei durchschnittlichem privatem Ausgabeverhalten (3.000 Euro monatlich über Amex).

Ein Business Class Langstreckenflug pro Jahr, wenn du zusätzlich geschäftliche Ausgaben über Amex laufen lässt.

Gelegentliche Upgrades oder kurze Inlandsflüge als "Bonus" für zwischendurch.

Nicht realistisch

Regelmäßig First Class nach Tokio oder Sydney. Ein First Class Hin- und Rückflug nach Japan kostet typischerweise 100.000 bis 140.000 Punkte. Um das jedes Jahr zu sammeln, bräuchtest du 8.000 bis 12.000 Euro monatlichen Amex-Umsatz, rein aus dem Punktesammeln.

Mehrere Langstreckenflüge in Premium-Klassen pro Jahr. Das funktioniert nur bei sehr hohem Kartenumsatz oder durch gezieltes Ausnutzen von Bonusaktionen, die in Deutschland seltener und weniger lukrativ sind als in den USA.

Die Fantasie, dass Meilensammeln mit einer Kreditkarte "kostenlose" Flüge produziert, ohne dass man etwas dafür tun muss. Es ist ein System, das Aufmerksamkeit, Planung und einen gewissen Kartenumsatz erfordert. Wer das nicht investieren will, ist mit einem simplen 1% Cashback auf einer Visa besser bedient.

Verfügbarkeit: das unterschätzte Problem

Ein Aspekt, der in vielen Meilen-Guides zu kurz kommt: Du kannst Punkte haben, so viele du willst. Wenn auf der gewünschten Strecke keine Prämienflüge verfügbar sind, nützen sie nichts.

Die Verfügbarkeit von Business und First Class Prämienflügen ist auf beliebten Strecken stark eingeschränkt. Frankfurt nach New York in der Lufthansa Business Class per Meilen zu buchen, ist nicht unmöglich, erfordert aber Flexibilität bei den Daten und Buchung mehrere Monate im Voraus. In der Hauptsaison (Sommer, Weihnachten) ist die Verfügbarkeit oft gleich null.

Was hilft: flexibel sein bei Daten und Routen. Statt Frankfurt-New York direkt kann eine Route über London mit British Airways oder über Doha mit Qatar Airways bessere Verfügbarkeit bieten. Statt an einem Samstag zu fliegen, unter der Woche. Statt im August im Oktober. Je flexibler du bist, desto mehr Wert bekommst du aus deinen Punkten.

Mein persönliches Sammelverhalten über ein Jahr

Hier meine konkreten Zahlen aus dem letzten Jahr, anonymisiert aber realistisch.

Gesamter Amex-Umsatz (Platinum und Centurion kombiniert): rund 85.000 Euro. Davon etwa 55.000 Euro geschäftlich, 30.000 Euro privat.

Gesammelte MR Punkte: rund 87.000 (inklusive Bonus-Offers und Aktionen).

Transfers: 50.000 Punkte zu British Airways (für zwei Business Class Flüge innerhalb Europas), 30.000 Punkte zu Singapore Airlines KrisFlyer (für einen One-Way Business Class Flug Singapur-Tokio).

Restwert: 7.000 Punkte im MR-Konto, die sich über die nächsten Monate aufbauen.

Was ich dafür bekommen habe: Die BA-Flüge hätten regulär zusammen etwa 2.400 Euro gekostet. Die SQ Business Class von Singapur nach Tokio hätte regulär etwa 1.800 Euro gekostet. Abzüglich der Steuern und Gebühren, die ich trotzdem zahlen musste (zusammen etwa 600 Euro), lag mein effektiver Gegenwert bei rund 3.600 Euro.

Das sind gute Ergebnisse. Aber sie basieren auf einem hohen Kartenumsatz, der zum Großteil geschäftlich bedingt ist. Mit rein privatem Umsatz hätte ich vielleicht ein Drittel davon erzielt.

Was sich für den Durchschnittsnutzer lohnt

Wenn du 2.000 bis 3.000 Euro monatlich über Amex ausgibst und bereit bist, dich mit dem System zu beschäftigen, sind Membership Rewards Punkte ein sinnvoller Zusatzvorteil. Du wirst keine Weltwunder damit erleben, aber ein bis zwei Business Class Flüge innerhalb Europas pro Jahr sind realistisch.

Der Schlüssel: Sammle konsequent, löse klug ein, sei flexibel bei den Daten.

Konsequent sammeln bedeutet: Alles, was geht, über die Amex. Fixkosten, Alltag, Online-Einkäufe. Die Payback Amex für die Lücken. Amex Offers aktivieren. Und die richtige Kartenkombination wählen.

Klug einlösen bedeutet: Punkte nicht im Amex-Reiseportal verbrauchen (wo sie typischerweise nur 0,5 bis 0,8 Cent pro Punkt wert sind), sondern zu einem Airline-Partner transferieren und für Business oder First Class Prämienflüge einsetzen (wo der Wert bei 1,5 bis 3,0 Cent pro Punkt liegen kann).

Flexibel sein bedeutet: Nicht auf den einen perfekten Flug am Wunschdatum bestehen, sondern offen sein für alternative Routen, Daten und Airlines. Die besten Deals bekommt, wer bereit ist, einen Umweg zu fliegen oder einen Tag früher oder später zu starten.

Wer das nicht will, wer einfach nur eine Kreditkarte zum Bezahlen braucht und sich nicht mit Punkteprogrammen beschäftigen möchte, für den sind Membership Rewards kein überzeugendes Argument für die Amex Platinum. In dem Fall ist eine einfache Cashback-Karte die ehrlichere Wahl.

Meilensammeln in Deutschland ist kein Spiel, das sich von selbst spielt. Es erfordert Aufmerksamkeit und ein Minimum an Strategie. Wer beides mitbringt, bekommt einen echten Gegenwert. Wer nicht, zahlt die Jahresgebühr für eine Punkteanzeige in der App, die nie eingelöst wird.

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